Konsumrausch? Nein Danke
"Durch Sparsamkeit zu neuem Wirtschaftswachstum"
Ein Feature von Holger Beckmann
Eine Sendung des Westdeutschen Rundfunks vom 20./21. März 2005
Themen u.a.: ein Interview mit Klaus-Peter Woggon, aeo
Auszug: Interview (Dauer ca. 6 Minuten)
Komplette Sendung (Dauer ca. 53 Minuten)
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Auszug aus dem Interview mit Klaus-Peter Woggon
Sprecher 2:
Dabei lässt der Sparwunsch der Verbraucher reichlich Raum für neue Produkte und für mehr Produktivität. Wenn es darum geht, beweisen oft gerade kleine Unternehmen ihr Geschick. Ebay fing ja auch klein an...
Erzähler:
Klaus Peter Woggon aus Bergneustadt war bis vor wenigen Jahren noch fest angestellter Elektromeister in einem mittelständischen Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten
O-Ton:
„Wie das halt so ist in der heutigen Zeit: da war Stress pur, Ärger pur – ich hab dann mal hinterfragt, womit ich mich eigentlich beschäftige – denn ich komme ja eigentlich von der Technik her. Und ich hab mich dann nur noch beschäftigt mit Zanken, mit Kulanzregelungen, mit Regressforderungen und, und – und hab zu meiner Frau gesagt: So richtig Spaß machen tut mir das nicht mehr – lass mal gucken, was da noch geht. nebenbei hab ich so ein bisschen dann angefangen mit Photovoltaik“
Erzähler:
Er begann, sich damit intensiver zu beschäftigen – das nötige Know-How als Basis hatte er ja. Aber das reichte nicht. Also machte er sich schlau: besuchte Fachkongresse, Messen, Hersteller. Und je schlauer er wurde, desto deutlicher merkte er, dass auch das Interesse seiner Kollegen im Betrieb und der Kunden daran wuchs – da gab es viele Fragen:
O-Ton:
„Ich war halt in dem Thema ganz neu und konnte, sag ich mal, von hundert Fragen zwei beantworten – und 98 habe ich mir aufgeschrieben, hab aber die dann konsequent nachgehalten und abgearbeitet, so dass ich mich in die Lage versetzt habe, beim nächsten Mal zu parieren auf solche Fragen.“
Erzähler:
Qualifizierung auf eigene Faust und mit Schneeballeffekt. Woggon kündigte in seiner alten Firma und machte sich selbständig – als Anlagenbauer für alternative Energiesysteme:
O-Ton:
„Ja, und über den Weg hat es immer mehr Spaß gemacht und immer mehr Spaß gemacht – und auf den nächsten Messen sagten die Leute dann: Ja, wie viel heißes Wasser kann man denn damit machen – und ich habe immer gesagt: Heißes Wasser kann man damit gar nicht machen, da kommt Strom raus. Ach so, haben die Leute gesagt und das ist so oft passiert, dass ich gesagt habe, also die Frage ist, was ist das eigentlich das andere Thema, damit musst du dich auch beschäftigen. So, und so kam die Solarthermie dazu, erst für Brauchwasser, dann hinterher auch heizungsunterstützende Anlagen. Und mittlerweile sind wir Anbieter für die ganze Palette: Also Photovoltaik, heizunterstützende Systeme, Holzheizungen ist bei uns ein irres Thema, hier im Oberbergischen – also Regenwassernutzung gehört noch dazu, Blockheizkraftwerke sind wir dran – also dieses ganze Thema.“
Sprecher 1:
Das Unternehmen nennt sich Alternative Energiesysteme Oberberg. Vor drei Jahren hat Woggon es gegründet.
O-Ton:
„Aller Anfang ist schwer, da bin ich ganz allein los, ich war auch ganz alleine. Und hab mir dann Leute, die ich kannte, aus den neuen Bundesländern, die kannte ich einfach, weil die als Leiharbeiter für uns im Elektrounternehmen gearbeitet haben – die hab ich mir dann so sukzessive dazu geholt, ich brauch dich für zwei Wochen, für vier Wochen, einfach um mal in Fahrt zu kommen – und dann haben wir aber schon nach dem ersten halben Jahr den ersten Gesellen eingestellt...über den Weg hat sich das dann so gesteigert, dass es im letzten halben Jahr eigentlich dazu gekommen ist, dass man uns den Laden zusammengeschossen hat. Also es ist so eine irre Nachfrage gewesen, die kriegten wir mit dem Personal, das wir hatten – wir waren dann vier, fünf Leute, nicht mehr geregelt – wir haben einfach Personal jetzt ganz schnell nachgeschoben – auch in der Winterzeit.“
Erzähler:
Inzwischen hat die Firma zehn Mitarbeiter. Unscheinbar sieht das Unternehmen aus, – von Außen lässt nichts die Erfolgsgeschichte ahnen, die darin steckt. Am Ortsrand von Bergneustadt – irgendwo zwischen Köln und Siegen – ist der Firmensitz: Im Wohnhaus der sechsköpfigen Familie Woggon.
Sprecher 2:
Die Firma lebt davon, dass andere sparen wollen: Strom, Öl, Gas, Wasser. All das also, was im Alltag so selbstverständlich benutzt wird, was aber trotzdem knapp ist. Viele Jahrzehntelang wollte das kaum einer wahrhaben. Erst seitdem vor allem das Öl immer teurer geworden ist, hat so etwas wie ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Gut für Klaus-Peter Woggon. Er hat das frühzeitig erkannt und darauf die Existenz für sich und seine Familie gebaut:
O-Ton:
„Unser ganzer Laden wird ganz pragmatisch geführt. Also wir sind erzkonservativ. Ich bin stolzer Vater von vier Kindern, so und wir haben gesagt, wir machen das, wir gehen dieses Risiko ein. Wir haben also ein Existenzgründerdarlehen aufgenommen und sonst nichts weiter. Und haben gesagt, so der Laden läuft oder er läuft nicht. Das war 50 000 Euro. So und damit haben wir bis jetzt versucht, den Laden am Laufen zu halten. Soll heißen: Wir haben immer nur neue Sachen gekauft also Fahrzeuge, also alles, was wir haben ist uns. Also richtig konservativ. Wenn ich das Geld habe, kaufe ich was und sonst lasse ich die Finger davon.“
Erzähler:
Sparsamkeit als Gesetz. Und als Erfolgsrezept. Denn bisher ist Woggons Unternehmen stetig gewachsen. Trotz mancher Schwierigkeiten. Vor allem im Jahr 2003:
O-Ton:
„Da ging in Deutschland ja gar nix, und da sah es einfach so aus zum Jahresende – einfach, weil wir gesagt haben: wir schießen nichts nach, also wir machen nicht noch mehr Schulden. Also ich sage immer: Unsere Kinder sollen nicht umgekehrt wie in der Werbung eines Tages im Wohnwagen sitzen und sagen, Papa, warum wohnen wir im Wohnwagen und alle anderen haben ein Haus? Und deswegen haben wir gesagt: Wenn der Laden läuft mit dem Geld, dann läuft der. Und wenn nicht, dann haben wir so viel Geld in den Sand gesetzt, wie einer, der ein teures Auto vor die Wand fährt und dann war’s das.“
Erzähler:
Aber der Laden lief weiter. Und er läuft immer besser.
Sprecher 1:
Viele Kunden muss Woggon heute vertrösten, wenn sie von ihm eine Photovoltaikanlage inklusive Einbau haben wollen. Oder eine Holz-Pellet-Heizung. Oder eine Warmwasseraufbereitungsanlage.
O-Ton:
„Jedes Mal, wenn der Ölpreis anzieht und jedes Mal, wenn der Gaspreis anzieht, dann ist das so: dann klingeln hier die Telefone.“
Erzähler:
Momentan gibt es auf dem Weltmarkt praktisch keine Photovoltaikanlagen mehr. So massiv ist die Nachfrage. Gute Zeiten für Klaus Peter Woggon und seine Firma, bei der das Erfolgsrezept – der schonende Umgang mit Ressourcen – auch betriebsintern konsequent angewendet wird. Sogar bei den Dienstautos:
O-Ton:
„Weil wir einfach sagen: wir haben keine drei VW Busse – nichts gegen VW-Busse, privat fahren wir gerne einen mit vier Kindern – aber: die VW-Busse werden erfahrungsgemäß überladen und die Monteure fahren damit erfahrungsgemäß 100 Kilometer am Tag – und haben einen irren Spritverbrauch für nix. Wir machen das anders: wir haben Smart oder eben so ein Elektroauto. Der Kofferanhänger: Da ist die Werkstatt drin. Da ist alles drin.“
Erzähler:
Das mag vielleicht komisch aussehen: ein recht großer Hänger hinter einem ziemlich kleinen Auto, aber: So braucht all das schwere Werkzeug nur einmal zur Baustelle gefahren zu werden – und dann bleibt es da.
O-Ton:
„Energiesparsamkeit. Wobei ich sagen muss: es ist nicht nur ökologisch, es ist auch ökonomisch. Erzähler: Energie sparsamer einzusetzen – daran arbeiten im Stillen viele Unternehmen, von denen man nicht viel hört. Natürlich wird Wirbel gemacht um große Windkraftanlagen – und die Frage, ob der Staat diese nun fördern sollte oder nicht. Langfristig gilt aber ohnehin, dass sich durchsetzen wird, was die Ressourcen schont – mit Förderung oder ohne. Oft sind es gerade kleine Unternehmen wie das von Klaus-Peter Woggon, die innovativ sind und die sich die Sparsamkeit zu Nutze machen.
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